Leitplanken zum Spielbetrieb und Training in Krisenzeiten

von Carsten Lemke

 

Die ständig steigende Ausbreitung des Coronavirus hat große Auswirkungen auf den Sport weltweit. Zahlreiche Großveranstaltungen wie die Fußball-Europameisterschaft, die Olympischen Spiele in Tokio und auch das große Traditionsturnier in Wimbledon wurden abgesagt oder sind auf das kommende Jahr verschoben worden.

Auch in unserem geliebten Tennissport fallen viele Veranstaltungen aus. Turniere finden nicht statt, Mannschaftsspiele stehen auf der Kippe und auch der tägliche Trainings- und Spielbetrieb ruht in den zahlreichen Tennisvereinen und Tennisanlagen in Deutschland. Erste Lockerungen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und einigen anderen Bundesländern gibt es zwar mittlerweile, trotzdem ist der Spielbetrieb nur sehr eingeschränkt möglich. 

Was den Spitzensport betrifft, hat die Verlegung oder die Absage von Großveranstaltungen sowie die eingeschränkten Trainingsmöglichkeiten von Fußballprofis und weiteren Berufsportlern sowie Kaderathleten ein wenig Klarheit geschaffen.

Aber im normalen Sporttreiben, im freien Spiel auf unseren Tennisplätzen, bei den Trainingsmaßnahmen der Tennislehrerinnen und Tennislehrer gibt es sehr viele offene Fragen. Einerseits geht es um wirtschaftliche Auswirkungen für Vereine, Tennisschulen und die freiberuflichen Tennislehrerinnen und Tennislehrer. Andererseits geht es um eine große Unsicherheit bezüglich der Wiederaufnahme des Spiel- und Trainingsbetriebs nach ersten Lockerungsmaßnahmen.

 

Ist es möglich, den Spielbetrieb unter Einhaltung aller notwendigen Schutz- und Hygienemaßnahmen wieder aufzunehmen?

Diese Fragen stellen sich momentan Verbände, Bezirke, Vereine, Tennisschulen, Tennislehrerinnen und Tennislehrer. Es kursieren Anleitungen auf zahlreichen Webseiten und in den sozialen Netzwerken. Erste Videos gibt es sogar schon auf YouTube.

Über Sinn und Unsinn kann man sicherlich streiten, da die weiteren Entwicklungen von den behördlichen Vorgaben der jeweiligen Landesregierung abhängig sind. Aber als Diskussionsgrundlage sind einige Vorschläge und Empfehlungen hilfreich und finden sich auch im weiteren Verlauf dieses Artikels wieder.

Aber der Reihe nach: einen hundertprozentigen Schutz wird es auf dem Tennisplatz, wie auch im täglichen Leben, nicht geben. Sollten wir danach streben, müssten die Anlagen geschlossen bleiben.

Nun geht es darum, eine größtmögliche Sicherheit zu schaffen. Das ist im Tennis, im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten, leichter möglich. Beim Tennis gibt es keinen Körperkontakt und eine Kontaminierung durch den Tennisball ist bei normalem Gebrauch des Balls nicht möglich.

Im Einzel ist die Abstandsempfehlung vor, während und nach dem Spiel jederzeit einzuhalten. Bei der Anreise, beim Betreten des Platzes, beim Spiel, bei den Seitenwechseln, bei der Platzpflege, dem Verlassen des Platzes und bei der Abreise kann jeder Spieler mit der gebotenen Achtsamkeit selbst dafür sorgen, den Mindestabstand von 1,5 Metern jederzeit einzuhalten.

Für die Erfüllung der Hygienevorgaben auf der Anlage ist der Tennisverein verantwortlich. Für das Training werde ich im weiteren Verlauf des Artikels noch einige zusätzliche Empfehlungen aussprechen. Sowohl im Bereich der Anlage als auch im Bereich der Clubgastronomie sind in den kommenden Wochen genaue Vorgaben zu erwarten.

Empfehlenswert ist auf jeden Fall ein Online-Buchungssystem (z. Bsp. Tennis 04) für die Platzanlage. So vermeidet man eine Ansammlung von vielen wartenden Menschen auf engem Raum. Klare Regelungen zum Spielbetrieb können in diesem Zusammenhang weitere Kontaktmöglichkeiten minimieren. So könnte beispielsweise das Verlassen des Platzes fünf Minuten vor Ablauf der Spielzeit sowie ein frühestes Betreten des Platzes mit Beginn der kommenden Spielzeit dafür sorgen, dass unnötige Kontakte vermieden werden.

In Bezug auf die Austragung von Doppeln und Mannschaftsspielen wird die ganze Thematik etwas schwieriger. Hier muss man die entsprechenden, sich fortlaufend ändernden Verhaltensregeln der jeweils zuständigen Behörden beachten.

 

Ist es möglich, einen professionellen Tennisunterricht unter Einhaltung aller notwendigen Schutz- und Hygienemaßnahmen wieder aufzunehmen?

Nun betrete ich vermintes Gelände. Denn es gilt als erstes, den Begriff „professioneller Tennisunterricht“ zu definieren. Um direkt mit der Tür ins Haus zu fallen: zum Anspielen und Einsammeln der Bälle brauchen meine Tennisschüler mich nicht. Dann könnten sie genauso gut untereinander spielen. Meiner Meinung nach ist es meine Aufgabe, meinen Schülern ein Erlebnis mit viel Abwechslung zu bieten, ihnen passende, individuelle Korrekturen zur Verbesserung zu geben, Anreize zu schaffen und Spielformen mit hohem Aufforderungscharakter zu entwickeln.

Dieses möchte ich mit dem passenden Material, den notwendigen methodischen Trainingshilfsmitteln und den passenden Trainingsgruppen erreichen, ohne dabei Personengruppen auszusperren. Deswegen ist es mir wichtig, nicht nur Einzeltraining anzubieten. Ebenso möchte ich ein vernünftiges Jugendtraining sowie ein Training der Jüngsten in der Ballschule organisieren und durchführen. Einen verantwortungsvollen Modus für diese Trainingsarten zu entwickeln, gehört momentan zu den größten Schwierigkeiten und zu meinen wichtigsten Aufgaben.

Wenn man sich mit meiner Sichtweise von einem professionellen Tennisunterricht arrangieren kann, kommt man zu dem Schluss, dass das Trainingsprogramm der meisten Tennisschulen und Tennislehrer unter den vorgegebenen hygienischen Auflagen und unter Beachtung der geltenden Abstandsregeln definitiv nicht umzusetzen ist.

Was soll ich also machen, wenn ich kein „Schmalspur-Training“ oder nur Einzeltraining anbieten will? Wie könnte der oben erwähnte Modus für ein vernünftiges, seriöses und effektives Tennistraining aussehen? Oder soll ich den Betrieb so lange einstellen, bis das Coronavirus verschwunden ist? Würde das in meinem Interesse und vor allem im Interesse meiner Schülerinnen und Schüler liegen?

Die Soforthilfe der Länder für Selbstständige, die Unterstützung durch den eigenen Verein und vor allem die Treue unserer langjährigen Schülerinnen und Schüler sorgen dafür, dass viele Tennislehrerinnen und Tennislehrer für einen kurzen Zeitraum die beruflichen Einschränkungen durch das Coronavirus wirtschaftlich verkraften können. Trotzdem wird und muss es demnächst irgendwie weitergehen. Das liegt nicht nur in unserem Interesse, sondern auch im Interesse unserer Schülerinnen und Schüler. Viele Gespräche in den vergangenen Tagen zeigen mir, dass die Sehnsucht nach der roten Asche groß ist.

Es bedeutet also, Lösungen zu finden. Und damit kommt das Einzeltraining wieder ins Spiel. Ein Einzeltraining mit einer Dauer von 30, 45 oder auch 60 Minuten macht nach wie vor vielen Tennisspielern Spaß und ermöglicht es uns, die Hygiene- und Sicherheitsvorgaben ohne Probleme einzuhalten. Und die zahlreichen „Home-Office-Arbeiter“ sind froh, sich weg vom Notebook in Richtung Tennisplatz bewegen zu dürfen.

Wie kann ich aber Gruppenunterricht erteilen, ohne auf meinen Ballwagen, Trainingshilfsmittel und vor allem meine Schüler verzichten zu müssen? Aus Gründen der Seriosität orientiere ich mich hier an unserer obersten Dachorganisation, dem DOSB, der Empfehlungen in Form eines 10-Punkte-Plans mit der Überschrift „Die zehn Leitplanken des DOSB“ herausgegeben hat (zu finden als PDF-Datei auf der DOSB-Webseite). Ich versuche, diese Leitplanken zu den Leitplanken des Tennissports zu machen und einen Weg aufzuzeigen, professionelles Tennistraining in Coronazeiten zu organisieren und durchzuführen.

Distanzregeln einhalten – Ein Abstand von 2 Metern ist im Tennis leicht einzuhalten. Im Einzel- und Zweiertraining sorgt allein das Netz dafür, dass die Trennung der Spieler ohne Probleme zu organisieren ist. Und der Trainer ist gefordert, erhöhte Wachsamkeit walten zu lassen, wenn er seinerseits zwar auf die Spieler zugeht, um mit ihnen zu arbeiten, dabei aber die Sicherheitsvorkehrungen immer an erste Stelle stellt. Zu dem Gruppentraining gibt es im weiteren Verlauf des Artikels Empfehlungen.

Des Weiteren sollte jeder Spieler seine eigene Bank haben, die mit dem nötigen Abstand zur nächsten Bank aufgestellt wird. Auch der Einsatz eines Online-Buchungssystems sorgt dafür, dass es beim Betreten oder Verlassen der Anlage und der Plätze zu unnötigen Kontakten kommt.

Körperkontakte müssen unterbleiben – Tennisspielen findet per se kontaktfrei statt. Das ist ein großer Vorteil im Vergleich mit vielen anderen Sportarten. Auf Händeschütteln, Abklatschen, in den Arm nehmen, um zu jubeln oder zu trauern, muss komplett verzichtet werden.

Mit Freiluftaktivitäten starten – Hier kommt uns entgegen, dass überall die Sommersaison begonnen hat oder vor der Tür steht. Der Luftaustausch im Freien erschwert die Übertragung von Viren.

Hygieneregeln einhalten – Es empfiehlt sich ein Desinfektionsmittel zur Händedesinfektion und ein weiteres Desinfektionsmittel zur Flächendesinfektion im Training einzusetzen. Auf jedem Platz sollten diese beiden Desinfektionsmittel zur Verfügung stehen. Mit dem Flächendesinfektionsmittel kann man den Ballwagen, Sammelröhren und auch Trainingshilfsmittel konsequent nach dem Gebrauch desinfizieren. Auch der Einsatz von Golfhandschuhen und Mund-Nasen-Schutzmasken ist zu empfehlen.

Vereinsheime und Umkleiden bleiben geschlossen – Vorerst ist es ratsam, die Dusche in den eigenen vier Wänden zu nutzen. Wann und wie hier Lockerungen auftreten, bleibt abzuwarten.

Fahrgemeinschaften vorübergehend aussetzen – Auf die Bildung von Fahrgemeinschaften sollte vorerst verzichtet werden. Es macht überhaupt keinen Sinn, wenn vier Kinder, die im gemeinsamen Training alle Abstandsregeln eingehalten haben, den Rückweg gemeinsam in einem Auto antreten.

Veranstaltungen und Wettbewerbe unterlassen – Sportliche Wettbewerbe, Zuschauerveranstaltungen, Mitgliederversammlungen sowie Festivitäten sind verboten. Auch vereinseigene Turniere, Spielrunden oder Trainingscamps sollten unterlassen werden, da eine Einhaltung der Abstandsregeln wegen der längeren Verweildauer auf der Anlage und wegen der erhöhten Personenzahl kaum möglich ist.

Trainingsgruppen verkleinern – Im Tennis wird es nicht möglich sein, aus jeder Gruppe ein Einzeltraining zu machen. Aber aus einer Viergruppe, kann man sehr gut zwei Zweiergruppen machen, die dann eventuell nur 40 oder 45 Minuten anstatt der gemeinsamen 60 Minuten trainieren. Das ist finanziell für alle Beteiligten überschaubar und praktikabel.

Das Training in den beliebten Vierergruppen kann auf zwei Plätzen durchgeführt werden. Das Training der Ballschule oder im Minitennis kann mit einer auf die Gruppengröße angepassten Anzahl an Kleinfeldnetzen durchgeführt werden. Wichtig ist es, den Kleinsten zu vermitteln, dass sie „ihren“ Kleinfeldplatz, den sie maximal zu zweit benutzen, nicht verlassen dürfen. Das in einigen Gruppen beliebte „Kolonnentraining“ kann über fest vorgegebene Laufwege organisiert werden. Hierbei lohnt es sich, sich Anregungen aus dem Cardio-Training zu holen. Zusammenfassend kann man sagen, je größer die Gruppe ist, desto größter ist der organisatorische Aufwand und desto wichtiger ist die detaillierte Planung der Trainingseinheiten.

Auch im Gruppentraining sollte jeder Spieler seine eigene Bank haben, die wiederum mit dem nötigen Abstand zur nächsten Bank aufgestellt wird. Sollte die Anzahl der Bänke nicht ausreichen, können Klappstühle das Problem sehr leicht lösen.

Angehörige von Risikogruppen besonders schützen – Gerade für ältere Mitbürger ist der Sport ein wichtiger Bestandteil zur Gesundheitserhaltung und zur gesellschaftlichen Teilhabe. Ein Trainingsverbot ist nur bedingt zu empfehlen. Sinnvoller ist ein besonders geschütztes Einzeltraining, bei dem der Trainingsteilnehmer vor, während und nach dem Training strengste Distanzmöglichkeiten einhalten kann.

Risiken in allen Bereichen minimieren – Hier wird der gesunde Menschenverstand angesprochen. Auf jede Maßnahme, die ein ungutes Gefühl erzeugt oder bei der man mögliche Risiken nicht einschätzen kann, sollte verzichtet werden.